Auf den Spuren eines Vergessenen

Dezember 2002

Ebenfalls tiefe Traurigkeit befällt mich, wenn ich an die gestrige Wichtelfeier im Wohnheim denke, die ihren Namen unverdient trägt. Denn eine wirklich Feier war es wohl kaum.

Die Idee einer Feier, bei der man/frau einen (ehemaligen) Bewohner des WH beschenkt ist doch super und zum Jahresende sind sowieso alle etwas lockerer. Also fruchtbarer Boden für eine Feierlichkeit, bei der man benommen vom vielen Glühwein irrsinnige Aufgaben erfüllt, nur um ein Geschenk zu ergattern, dass außer der Belustigung der Zuschauenden bei der Aufreißzeremonie sonst keinen wirklichen Nutzen hat. Aber es soll ja auch niemand in den Bankrott treiben, deshalb dachten die Veranstalter an den kleinsten Euro-Schein bei den Ã?berlegungen zum Preis.

Vor einigen Jahren habe ich mal eine Packung Hundeleckerli bekommen, nur weil ich gesagt hatte, ich hätte einen Hund. Habe ich auch, besser gesagt meine Eltern. Aber dieser Hund ist so klein, dass ihn selbst Smartie-große Hundekuchen vor zahnbrecherische Hindernisse stellen. Naja, ich hab sie dann selbst probiert und mir fast den Kiefer verrenkt. Lustig wars trotzdem, vor allem für meine Tischnachbern. Und es war ein Geschenk mit persönlicher Note.

Der angesprochene Alkoholkonsum und das nahe Jahresende lassen auf gute Stimmung hoffen. Die meisten Referate und Prüfungen sind bis zum nächsten Jahr vorbei und alle freuen sich auf ein Feiern mit Familie, Geschenken und Entenbraten. Warum also nicht die verspannten, vom Hörsall geschädigten Muskel durch kleine Spielchen lockern? Sicher, es war nicht so vorgesehen, dass Addi vor 3 Jahren eine geschlagene halbe Stunde aus Faust rezitiert, aber die Spielchen, wenn teils etwas eindeutig, machten jedem Spaß.

Nachher, das heißt, nachdem man auf der Blockflöte des Zimmernachbarn ein Weihnachtslied zum Besten gegeben und sein Hundekuchen-Geschenk auspackt hat, widmet man sich wieder dem Glühwein und den selbstgebackenen Plätzchen – dessen Herstellung übrigens fast dazu geführt hatte, die Feuerwehr zu rufen. Gegen 2 Uhr morgens sind nur noch wenige im Fersehraum der 5. Etage, um vorzeitig Christi Geburt zu feiern, und tanzen. Aber von Glühwein, Plätzchen und Hundekuchen sind nur noch die Behältnisse vorhanden und der Rest der anfänglich 50 Anwesenden liegt narkotisiert in ihren Betten oder auf/unter den Tischen der restlichen Fernsehräume.

Dies ist natürlich nur eine Möglichkeit eine gemeinschaftliche Weihnachtsfeier zu begehen und kann kaum für alle Feiern dieser Art gelten, aber im Großen und Ganzen besteht eine solche aus folgenden Dingen:

  • Partygäste, die weder Geschenke noch Glühwein fürchten
  • eben genanntem Glühwein in Mengen, die eine Badewanne füllen könnten.
  • Geschenke, die billig aber originell sind – Marzipanbrote und Pralinenschachteln fallen damit weg, es sei denn Ihr beschenkt eure Oma
  • Aufgaben, die die Gäste erfüllen müssen, um ihre Geschenke zu bekommen – schließlich ist bis Fasching, wo man sich das nächste Mal gnadenlos die Kante gibt und bis auf die Knochen blamiert, noch lange hin
  • weihnachtliche oder zumindest leuchtende Ausschmückung des Raumes – ein Weihnachtsbaum ist also Pflicht
  • und zu guter Letzt ein freiwilliger „Paketüberbringer“, der sich in ein traditionell rotes Gewand hüllt, mit tiefer Stimme zu sagen: „Ho ho ho. Seid ihr auch immer artig gewesen?“

Ä?hnlich den deutschen Schülern in der PISA-Studie, schneidete das WH hier nur mangelhaft bis ungenügend ab: Gerade mal 2 von 6 Punkten wurden erreicht, wenn die Erfüllung jeder einzelnen Bedingung einen Punkt brächte.

Immerhin ist bis zum nächsten Weihnachtsfest noch genug Zeit zum Nachdenken.

Trotzdem wünsche ich euch allen frohe Feiertage und einen Guten Rutsch. Ups, der findet wohl oder übel auch im WH statt…

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